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Die Betriebsärztin

Gespräch mit Frau Dr. Heidinger - Betriebsärztin der Diakonie Stetten und der Berufsbildungswerk Waiblingen gGmbH

 


Welche Rolle spielen Betriebsmediziner/-innen, wenn Menschen mit Epilepsie ins Arbeitsleben eintreten möchten?

Fr. Dr. Heidinger:
Diese hängt ganz von der Größe des Betriebes ab. Es gibt bei manchen Berufsgenossenschaften eine Regelung, das sog. „Unternehmermodell“, die besagt, dass Betriebe bis zu einer bestimmten Anzahl von Mitarbeitern keinen eigenen Betriebsarzt und Fachkraft für Arbeitssicherheit haben müssen. In diesem Fall kümmert sich der Unternehmer selber um die Arbeitssicherheit in seiner Firma. Bei Fragen kann er aber einen Betriebsarzt / eine Betriebsärztin konsultieren oder auch Arbeitnehmern eine betriebsärztliche Untersuchung nahelegen.

Im Gegensatz zu kleineren Unternehmen sind größere Betriebe immer dazu verpflichtet einen Betriebsarzt / eine Betriebsärztin zu haben. In großen Unternehmen werden oft  Einstellungsuntersuchungen durchgeführt, so dass dann frühzeitig die Epilepsie zum Thema werden kann.

Im Berufsbildungswerk Waiblingen ist es so, dass Ausbilder und Ausbilderinnen junge Menschen mit Epilepsie in der Regel zu einer betriebesärztlichen Untersuchung schicken, um die Eignung für einen bestimmten Beruf prüfen zu lassen. Die Entscheidung des Betriebsarztes / der Betriebsärztin ist bindend und kann nicht immer zu Gunsten des Jugendlichen ausfallen.

Wird ein/e Jugendliche/r aber von seinem Ausbilder / seiner Ausbilderin geschickt, um z.B. die Fahrtüchtigkeit zu überprüfen steht die Fremd- und Eigengefährdung an oberster Stelle und der Betriebsarzt / die Betriebsärztin gibt seine / ihre Einschätzung zu diesem Sachverhalt ohne Entbindung aus der Schweigepflicht weiter.


Wie ist Ihre Vorgehensweise, wenn sich Jugendliche mit Epilepsie im Berufsbildungswerk für eine bestimmte Ausbildung interessieren?

Fr. Dr. Heidinger:
In der Regel kommt eine Anfrage des Ausbilders oder der Ausbilderin mit dem Hintergrund, ob der Berufswunsch realisierbar ist.

Als Grundlage dient die berufsgenossenschaftliche Information für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit BGI 585 „Empfehlungen zur Beurteilung beruflicher Möglichkeiten von Personen mit Epilepsie“. Da es sich hierbei aber um Empfehlungen für nur einzelne Berufszweige handelt muss die Anwendbarkeit immer im Einzelfall geprüft werden. Ausschlaggebend für die Ausbildungseignung ist stets die Fremd- und Eigengefährdung, also das Verletzungspotential. Hilfreich ist auch eine Überprüfung der Gegebenheiten vor Ort, also in der Werkstatt. Die Anforderungen der Ausbildung werden dann den Möglichkeiten des / der Jugendlichen gegenübergestellt und erst dann wird eine Entscheidung zur Eignung getroffen.

Entscheidungen werden meist durch 2-jährige Anfallsfreiheit (unter Medikamentenbehandlung) begünstigt. Hierbei treten selten Einschränkungen oder Schwierigkeiten auf.

Komplizierter wird es da schon bei einjähriger Anfallsfreiheit. Hier muss man sehr genau die Fremd- und Eigengefährdung prüfen und abwägen, ob die Ausbildung absolvierbar ist und in wieweit Gefahrensituationen reduziert werden können. Falls es alternative Ausbildungsberufe gibt sollte auf diese ausgewichen werden. Falls nicht müssen konkrete Absprachen mit dem Ausbilder / der Ausbilderin getroffen werden, z.B. ob gefährdende Maschinen vermieden werden können, bis der Jugendliche zwei Jahre anfallsfrei ist.

Grundsätzlich werden neurologische Gutachten hinzugezogen. Bei schwierigen Entscheidungen helfen auch Gespräche mit erfahrenen Kollegen und Kolleginnen aus dem Berufsbildungswerk Bethel. Eine sorgfältige Prüfung ist für den Betriebsarzt / die Betriebsärztin unumgänglich, da diese / dieser im Schadensfall gegebenenfalls haftbar gemacht werden kann.


Wie ist Ihre Vorgehensweise, wenn Jugendliche erst nach ihrer Berufswahl epileptische Anfälle bekommen?

Fr. Dr. Heidinger:
zunächst werden die aktuellen Lebensumstände genauer betrachtet. Dabei forscht man nach Einnahmefehlern von Medikamenten oder anfallsbegünstigenden Lebensgewohnheiten, wie etwa Schlafentzug oder Alkohol in größeren Mengen. Es kommt außerdem immer auf die Form der Epilepsie an und hierbei spielt der Austausch mit dem behandelnden Neurologen eine wichtige Rolle.

Treten epileptische Anfälle zum ersten Mal auf, ist es ratsam, dass sich der Jugendliche stationär in einem Epilepsiezentrum, wie z.B. in Kork, untersuchen und eine optimale medikamentöse Einstellung durchführen lässt. Im besten Fall bekommt man so die Epilepsie in den Griff und die Ausbildung kann unter bestimmten Sicherheitsvorkehrungen fortgesetzt werden. Als günstigen Faktor kann man auch die „Aura“ werten, die bestimmte Betroffene vor einem Anfall sehen. Auf diese Weise ist es manchen Menschen mit Epilepsie möglich, sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen.

Eine wichtige Rolle spielt auch die Compliance des / der Betroffenen. Das bedeutet so viel wie sich an die Vereinbarungen mit dem Arzt / der Ärztin zu halten. Funktioniert dies nicht ist ein Behandlungserfolg sehr schwer zu erreichen.

Leider gibt es auch Fälle, in denen es trotz medikamentöser Ein- oder Umstellung nicht zu Anfallsfreiheit kommt. Falls der / die Jugendliche in seiner Ausbildung schon sehr fortgeschritten ist, können im Einzelfall Sondervereinbarungen getroffen werden. Zum Bsp. wird die Ausbildung nur noch an ausgewählten Maschinen unter strengen Auflagen absolviert, so dass das Ausbildungsziel noch erreicht werden kann und der Jugendliche einen Abschluss erhält.

In den schlechtesten Fällen, wenn also die Fremd- oder Eigengefährdung zu groß sind, muss die Ausbildung sogar abgebrochen werden.

Grundsätzlich gilt: es wird immer der Einzelfall betrachtet. Nach Möglichkeit werden Informationen von behandelnden Fachärzten, der Mitarbeitenden des BBWs, seiner / ihrer Angehörigen und natürlich des / der Jugendlichen selber berücksichtigt, um zu einer Entscheidung zu kommen.


Welche Bedingungen erschweren die Berufswahl bei jungen Menschen mit Epilepsie?

Fr. Dr. Heidinger:
Grand Mal- Anfälle und keine Anfallsfreiheit von 2 Jahren. Im BBW ist das Berufswahlspektrum dann sehr eingeschränkt, weil die meisten Berufe hauptsächlich Handwerksberufe sind. Aber wie gesagt, kann eine Aura den Sachverhalt begünstigen und nach Rücksprache mit erfahrenen Kollegen aus Bethel haben wir schon einige Berufswünsche möglich gemacht.


Gibt es Berufe, von denen Sie grundsätzlich abraten?

Fr. Dr. Heidinger:
Es gibt kein generelles Verbot für bestimmte Berufe. Die Abwägung der Fremd- und Eigengefährdung stehen an oberster Stelle und erfolgt immer in Abhängigkeit von der Epilepsieform. Insbesondere bei Berufen mit erhöhter Verletzungsgefahr sollte geprüft werden, ob eine Ausbildung z.B. mit Hilfe von Schutzmaßnahmen möglich ist.


Was müssen Sie bei Empfehlungen besonders berücksichtigen?

Fr. Dr. Heidinger:
Die Bestandteile der Ausbildung müssen beachtet werden, z.B. muss ein Fachlagerist in der Regel auf Leitern steigen. Wesentliche Ausbildungsinhalte sollten immer für den jungen Menschen erlernbar und zugänglich sein. In Einzelfällen können Absprachen mit Ausbildern und Ausbilderinnen getroffenen werden, so dass einzelne Ausbildungsinhalte bzw. für die Prüfung nicht relevante Teile entfallen können.


Wie wichtig ist die Beantragung eines Schwerbehindertenausweises?

Fr. Dr. Heidinger:
der Schwerbehindertenausweis ist in meinen Untersuchungen eigentlich kein Thema. Wenn es in seltenen Fällen doch angesprochen wird, rate ich dazu. Viele empfinden es jedoch als einen Makel „behindert“ zu sein und können sich nicht damit identifizieren, würden den Ausweis dann auch nicht zum Nachteilsausgleich einsetzen. Meistens greifen die Sozialpädagogen und Sozialpädagoginnen dieses Thema im BBW auf und klären die jungen Menschen auf.