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04. Mai 2010

Weg ins Berufsleben geebnet

Modellprojekt Epilepsie nach drei Jahren erfolgreich abgeschlossen / Nachfolgeprojekt wäre wünschenswert

Menschen mit Epilepsie haben es besonders schwer auf dem Arbeitsmarkt. Obwohl zwei Drittel von ihnen mit Hilfe von Medikamenten ein völlig normales Leben führen können, sind die Vorbehalte groß. Das vor drei Jahren ins Leben gerufene Modellprojekt Epilepsie sollte helfen, Vorurteile abzubauen und die Ausbildungschancen junger Menschen mit Epilepsie zu verbessern. Nun ziehen die Träger eine positive Bilanz.

Hanna Strönisch ist Auszubildende im zweiten Lehrjahr zur Verkäuferin im Einzelhandel. Im Offenburger Edeka-Markt von Reiner Schirmann füllt sie Regale auf, berät Kunden, packt Brötchen in die Tüte und sitzt an der Kasse. Eine schmale, freundliche junge Frau, die große Freude an ihrem Beruf hat und doch anders ist als viele andere Verkäuferinnen: Hanna Strönisch hat Epilepsie.

Epilepsie - was ist das? In den Köpfen vieler Menschen ist immer noch das Bild des krampfenden Kranken mit Schaum vor dem Mund verankert. Unsicherheit und Unwissenheit führen dazu, dass epilepsiekranken Menschen mit Scheu begegnet wird und die Betroffenen auch aus der Arbeitswelt ausgegrenzt werden. Doch wie sieht die Wirklichkeit aus?

Jeder zwanzigste Mensch erleidet einmal im Leben einen epileptischen Anfall, der Ausdruck einer vorübergehenden Funktionsstörung einiger Nervenzellen des Gehirns ist. Etwa 0,8 Prozent der Bevölkerung haben eine chronische Epilepsie, die sich durch wiederkehrende Anfälle auszeichnet, ausgelöst durch eine Übererregung der hirnelektrischen Aktivität.

Jede Epilepsie ist anders: Manche bekommen nur nachts oder bei bestimmten Auslösern leichtere Anfälle, andere erleiden mehrmals im Jahr einen großen epileptischen Anfall, den so genannten „Grand mal“, bei dem der Betroffene bewusstlos wird und/oder krampft. Doch 60 bis 70 Prozent aller an Epilepsie Erkrankten können durch Medikamente weitgehend anfallsfrei leben und durchaus am Arbeitsleben teilnehmen.

So auch Hanna Strönisch. Urplötzlich, in der Pubertät, fing es an: Sie bekam einen Grand mal. Der örtliche Neurologe diagnostizierte eine Epilepsie, doch die verabreichten Medikamente wirkten nicht. Die Anfälle häuften sich. „Es gab eine Zeit, da hatte ich zwei bis drei Anfälle am Tag“, erzählt Hanna Strönisch. „Ich ging nicht mehr alleine raus. Ich hatte Angst vorm Fahrrad fahren, vorm Schwimmen und vor Zugreisen – ich fürchtete, bei einem Anfall aufs Gleis zu fallen.“ Ihre Ausbildung als Kinderpflegerin musste sie abbrechen – zu groß wäre die Gefahr gewesen, dass ihren Schützlingen etwas passiert, wenn sie während eines Anfalls das Bewusstsein verliert. Als der Leidensdruck zu groß wurde, kam sie ins Epilepsiezentrum Kork. Sechs Wochen blieb sie dort, wurde medikamentös eingestellt – und lebt seitdem anfallsfrei. Im Gespräch mit Michaela-Pauline Lux vom Kliniksozialdienst wurden Möglichkeiten der besonderen beruflichen Förderung beleuchtet – Hanna Strönisch wünschte sich aber nichts „Besonderes“, sondern einen “normalen“ Ausbildungsplatz. Damit schien ihre berufliche Laufbahn zunächst am Ende zu sein. „Ein Jahr lang hatte ich nichts zu tun“, sagt Hanna Strönisch. „Damit kam ich überhaupt nicht klar.“

Um jungen Menschen wie Hanna zu helfen, wurde 2007 das auf drei Jahre angelegte „Modellprojekt Epilepsie“ ins Leben gerufen. Ziel war es, Vorbehalten vor allem bei Arbeitgebern zu begegnen und die Ausbildung und Eingliederung junger Menschen mit Epilepsie im südwestdeutschen Raum zu verbessern. Projektpartner waren das Berufsbildungswerk Waiblingen, das Christliche Jugenddorf Offenburg und das Epilepsiezentrum Kork.

Am Anfang stand viel Aufklärungs- und Informationsarbeit. Es galt, alle Beteiligten und Betroffenen an einen Tisch zu bekommen: Arbeitgeber, Betreuungskräfte, Ausbilder, Lehrer, Angehörige, Ärzte und die Reha-Berater der Agenturen für Arbeit. Ängste mussten abgebaut, Ausbilder und Betreuer in den Berufsbildungswerken und Betrieben angeleitet und geschult werden. „Wichtig ist es, die Arbeit aller Beteiligten eng zu verzahnen, damit man zusammenarbeitet und nicht nebeneinander her läuft“, betont Helga Schmid, Leiterin des vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales geförderten Projekts.

Hanna Strönisch hatte Glück. Die örtliche Agentur für Arbeit vermittelte sie an das Christliche Jugenddorf (CJD) Offenburg. Bei einer zweiwöchigen Arbeitserprobung im Bereich Verkauf merkte sie, dass ihr das großen Spaß machte. So kam sie in den Lebensmittelmarkt von Reiner Schirmann, der seit zehn Jahren mit dem CJD zusammenarbeitet. Rund 30 Jugendliche aus der Einrichtung hat der Offenburger Kaufmann seitdem ausgebildet. „Sie lernen dasselbe wie meine anderen Azubis auch“, so Schirmann, „denn am Ende stehen alle vor der gleichen Abschlussprüfung.“ Sie dürfen sich aber ein bisschen mehr Zeit lassen: Die Ausbildung zur Verkäuferin dauert drei statt zwei Jahre. Mit Hanna Strönisch ist Reiner Schirmann sehr zufrieden. „Sie ist fleißig und freundlich zu den Kunden. Dass sie Epilepsie hat, merkt man nicht.“

„Diese Erfahrung machen wir immer wieder“, sagt Diplom-Psychologin Sonja Kunz vom CJD. „Die meisten Menschen mit Epilepsie sind hoch motiviert, sehr umsichtig und diszipliniert.“ Ein anfallsfreier Mitarbeiter mit einer Epilepsie weist dieselbe Spannbreite an Geschicklichkeit, Intelligenz und Belastbarkeit auf wie alle anderen Menschen auch. Auch fehlt er krankheitsbedingt nicht öfter als andere.

Während der Projektlaufzeit hat sich die Zahl der jungen Menschen mit Epilepsie, die in den beiden beteiligten Berufsbildungswerken berufsvorbereitende Maßnahmen oder eine Ausbildung absolvieren, mehr als verdreifacht. „Auch qualitativ haben wir einen Sprung gemacht“, freut sich Projektleiterin Helga Schmid. „Früher haben wir zumeist anfallsfreie Menschen mit Epilepsie ausgebildet. Im Rahmen des Modellprojekts kamen nun auch Leute mit stärkeren Symptomen oder Zwei- und Dreifachdiagnosen zu uns.“ Menschen, die es besonders schwer haben, in der Arbeitswelt Fuß zu fassen, da zur Epilepsie beispielsweise noch Lernbeeinträchtigungen, Entwicklungsverzögerungen oder seelische Behinderungen hinzukommen können.

Es wurde jedoch schnell deutlich, dass der Aufklärungs- und Beratungsbedarf groß ist. Die Info-Hotline wurde nicht nur von Menschen angewählt, die Fragen zum Projekt hatten, sondern mehr und mehr auch von Angehörigen, Agenturen für Arbeit, Betrieben und Schulen. „Was in Baden-Württemberg fehlt, ist ein landesweites Beratungsnetz in Sachen Epilepsie“, so Helga Schmid.

Hanna Strönisch will nach der Ausbildung an ihren Heimatort zurückkehren und sich dort eine Stelle suchen. Das CJD wird zunächst auch weiterhin ihr Ansprechpartner sein und sie nach Kräften unterstützen. Doch um eine dauerhafte berufliche Integration von Menschen mit Epilepsie zu gewährleisten, wäre ein Nachfolgeprojekt wünschenswert. „Das Modellprojekt Epilepsie hat jungen Menschen eine Berufsausbildung ermöglicht“, sagt Projektleiterin Helga Schmid, „jetzt gilt es, die Eingliederung in die Arbeitswelt begleiten zu können.“ Ein Antrag für das Nachfolgeprojekt „Brücken bauen“ haben die drei Träger bereits eingereicht.

 

Info:

So  kommen jungen Menschen in eine Ausbildung in einem Berufsbildungswerk

Die Rehabilitationsberatung der Agentur für Arbeit vermittelt junge Menschen mit Epilepsie an eines der beiden Berufsbildungswerke. Neben der praktischen Ausbildung und dem Schulbesuch im Berufsbildungswerk absolviert der Azubi während der Ausbildung mehrere Betriebspraktika. In anderen Fällen macht der junge Mensch eine Ausbildung in einem Kooperationsbetrieb. Träger der Ausbildung bleibt jedoch das Berufsbildungswerk. Während der gesamten Ausbildungszeit steht dem Betrieb ein Ansprechpartner vom Berufsbildungswerk zur Seite. Ausbilder und Kollegen werden entsprechend informiert und geschult.

 

Adressen:

Berufsbildungswerk Waiblingen gGmbH
Steinbeisstr. 16
71332 Waiblingen
Ansprechpartnerin: Helga Schmid,
Sozialpädagogin, Telefon 07151/5004-286
E-Mail: helga.schmid(at)bbw-waiblingen.de

CJD Jugenddorf Offenburg
Zähringer Straße 42-59
77652 Offenburg
Ansprechpartnerin: Sonja Kunz,
Diplompsychologin, Telefon 0781/7908265
E-Mail: sonja.kunz(at)cjd.de

Epilepsiezentrum Kork
Landstraße 1
77694 Kehl-Kork
Ansprechpartnerin: Michaela-Pauline Lux,
Diplom Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin,
Telefon 07851/84-2435
E-Mail: mlux(at)epilepsiezentrum.de